Leseprobe zu Saskia Dreßlers »Geisterfall«

Saskia Dreßler »Schicksalspakt« #1: »Geisterfall«

Sai zieht weg vom Land nach Tokyo. Doch der Neuanfang gestaltet sich schwierig, denn sie findet keine gute Arbeit. Stattdessen schlägt sie sich mit einem Putzjob durch. Dann stolpert sie bei einem Auftrag über eine Gruppe Yokai und Mononoke und die Leiche eines berüchtigten Schriftstellers – und wird in eine ihr unbekannte Welt verstrickt.

Urban Fantasy mit viel japanischer Mythologie im Tokyo der 1920er Jahre.

Der Roman von Saskia Dreßler erscheint am 29.05.2026 und ist ab jetzt im Shop vorbestellbar. Dies ist nicht das endgültige Cover. Der Titel des Buches kann sich noch ändern.

Oben steht: Saskia Dreßler "Geisterfall". Darinter ist eine Illustration von Utagawa Kuniyoshi (Edo-Zeit, erste Hälfte des 19. Jh.) zu sehen, die eine Frau zeigt, deren Schatten ein Fuchs ist.

Saskia Dreßler »Schicksalspakt« #1: »Geisterfall«

TEIL 1

Die Welt zerbricht und du mit ihr. Du zerspringst in tausend kleine Stücke, Wie eine weggeworfene Tasse, die niemand braucht. 

Er ist nicht allein. Wieder hat er Besuch. Die Männer in ihren starren Anzügen müssen wichtig sein. Aber in deiner Wahrnehmung gleichen sie sich alle: dunkle Kleidung und Hüte. Du magst das nicht. Du hasst es, dass auch er einen Anzug trägt. So etwas steht ihm nicht. Früher hat er dieselben Sachen getragen wie du. Heute entfernt ihn seine Kleidung noch mehr von dir – jedes Stück ein Grenzstein. Immer weiter weg, bis du ihn kaum noch erkennen kannst.

Die Wut beginnt in dir zu sieden. Langsam zu kochen und gegen dein Innerstes zu sprudeln. 

Wann er aufsteht, wann er auf Toilette geht und wann er ausgeht. All das kennst du, kannst es beinahe nachahmen und erreichst ihn doch nicht. Jeder Versuch seine Aufmerksamkeit zu erregen, prallt ungehört und weggesehen an ihm ab.  

Trotzdem willst du dich bemerkbar machen. Er soll wissen, dass du da bist, soll sich nicht mit anderen beschäftigen – soll sich mit dir beschäftigen. 

Nur mit dir. 

Mit dir. 

Mit dir. 

Mit dir. 

Es kocht über. Deine Gedanken verlieren sich. Sie lösen sich auf. Alles verschwimmt. 

Rot.

Er sitzt vor seinem Arbeitstisch, starrt für Momente mit leerem Blick auf ein weißes Blatt, dann beginnt er zögerlich zu schreiben. Du ergreifst die Chance, die sich dir bietet. 

Von oben betrachtet siehst du schon kahle Stellen auf seinem Kopf. Der Stift in seiner Hand kratzt über das Papier, sein eigener Schatten nimmt ihm das Licht. 

Obwohl du es noch nie gemacht hast, weißt du, was du tun musst. Ein Gefühl in dir leitet dich. Es ist dasselbe, dass deine Wut jedes Mal neu entfacht. Du konzentrierst dich, machst dich dünn. Die Grenze zwischen den Körpern verschwimmt. Du tauchst ein, bist plötzlich in ihm. 

Du siehst mit seinen Augen auf den Text. Du führst seine Hand. Die Schwere seines Körpers drückt dich nieder. Du lässt den Stift fallen. Er wehrt sich, kämpft gegen dich an. Sein Geist versucht dich zu vertreiben. Du spürst, wie er nach dir greift. Einen Moment überwältigt er dich fast, dann merkst du: Du bist stärker, drängst ihn zurück.

Euphorie erfasst dich. Wann hattest du ihm je etwas entgegenzusetzen?

Sein Blick, geführt von dir, huscht über den Tisch; neben den offenen Briefen findest du das Gesuchte. 

Lang und scharf ist es. Es ist das Messer, das er immer dabeihat. Jetzt liegt es verdeckt, beinahe versteckt, unter Papieren. Glänzt im letzten Licht der Sonne. 

Probierend tippst du mit der Fingerspitze gegen die Schneide und ziehst sie schnell wieder zurück. Spitz. Genau richtig. Du setzt es an. 

Das Messer drückt auf die Haut. Er schreit in seinem [deinem] Inneren auf, versucht seinen [deinen] Arm wegzuziehen. Deine Präsenz füllt ihn jedoch so sehr aus, dass er nur kurz zuckt und sich nicht weiterbewegen kann. 

Während du die Klinge erneut ansetzt, tobt er hilflos. Doch er ist nur ein wehrloser Hase im Maul eines Fuchses. 

Seine [deine] Mundwinkel heben sich. Ein Lächeln.  Verzerrt. Hin und hergerissen zwischen ihm und dir.

Fester und fester wird dein Druck, bis seine [deine] Haut nicht mehr standhält und nachgibt. Eine kleine rote Linie bildet sich, ein Tropfen Blut rinnt über das Handgelenk. 

In einem erneuten Kraftakt zieht er das Messer weg, doch du scherst dich nicht darum. Mit einem Ruck und ohne zu zögern, schneidest du senkrecht über das Handgelenk, den Arm hinunter. Die rote Linie klafft auf. Das Blut fließt endlich ungehindert. 

Es kitzelt beinahe, wie es den Arm entlang strömt, sich an den dunklen Härchen aufstaut, bis die Last zu schwer wird und es nach unten rinnt. Als Pfütze sammelt es sich auf dem Tisch. Papier saugt es auf, färbt sich rot. 

Weiß schwindet. 

Sanft streichst du über das Blut, malst kraklige Linien mit ihm. 

Das Messer wandert in die andere Hand. Nur mit Mühe bekommst du es mit den Fingern zu fassen. 

Auch über das linke Handgelenk ziehst du die Klinge – diesmal ohne die geringste Gegenwehr. Du hörst ihn inzwischen nur noch wimmern. So leise, dass es auch Einbildung sein könnte. So leise, dass du es einfach ignorieren kannst. Soll er doch merken, wie es dir ergangen ist.

Kein Warten, kein Drücken, kein Überlegen. 

Scharfer Schmerz blitzt im Körper auf. Das Messer entgleitet dem kraftlosen Griff. Mit einem Klappern bleibt es auf dem Tisch liegen. Blut rahmt es ein. Beide Handgelenke und Arme brennen, als würde jemand eine Flamme in die Wunden halten. Längst kitzelt es nicht mehr, zurück bleibt nur Schmerz. Er breitet sich in seinem [deinem] ganzen Körper aus. 

Doch was ist dieser kleine Schmerz gegen deinen? 

Nichts. 

Dein Schmerz reicht über den Himmel hinaus. 

Dein Schmerz bedeckt die Welt. 

Du willst zerstören, zerhacken, zerfetzen. Nichts soll heil bleiben. Alles soll sich auflösen. Soll zerspringen und verschwinden, so wie du. So wie er. 

Klein und unscheinbar hämmert er gegen die Mauern, die du errichtet hast. Du spürst seine Angst, als wäre es deine. Zärtlich deckst du ihn mit deinem eigenen Schmerz zu. Erdrückst ihn, nimmst ihm die Luft zum Atmen.

Merkt er denn nicht, dass es längst zu spät ist? Warum sich noch wehren? Du wirst ihn nicht mehr hergeben und das lässt du ihn spüren. Nie wieder wird er dich benutzen. Das hat er einmal zu oft getan. 

Deine Wut spült rot über ihn hinweg. Nimmt Welle für Welle etwas von ihm mit bis nichts mehr übrigbleibt. Er kann es nur bewegungslos unter dem Gewicht deines Schmerzes über sich ergehen lassen. 

Du brandest mit all deinem Sein in ihm auf, zeigst ihm, wer du bist, – und zum ersten Mal seid ihr gleichgestellt. Keine beißenden Kommentare. Kein Bespucken. Keine Schläge. Ihr steht euch gegenüber und du überragst ihn. Er ist nur noch ein kleines Bündel aus Angst, Schmerz und Unverständnis. Er ist ein Nichts und du bist ein Alles. 

Triumph mischt sich unter das Brennen seiner [deiner] Wunden. Als er merkt, dass es seinem Ende zu geht, klammert er sich an dich, fleht dich an. Doch du schüttelst seinen Griff ab. Trittst nach ihm. Immer und immer wieder. Das endgültige Zerspringen seines Geistes hallt wie das Brechen von Knochen durch euren Kopf. 

Der Körper wird schwächer, ihm fehlt die Lebenskraft. Sein Geist liegt als zertrümmerte Masse vor dir. 

Deine Wut und dein Schmerz wallen weiter auf und ab, während das Blut noch tropft und fließt. Es ist rot. 

Rot. 

Rot. 

Rot.

1

Wasser klatschte auf meine Füße. Dreckstückchen bespritzten den Kimono. Geschockt blieb ich stehen und sah der Rikscha hinterher. Sie dampfte ungehindert weiter.

Für einen Moment löste ich mich auf. Passanten gingen um mich herum, weitere Fahrautomaten, tuckerten auf der Straße – jedes Mal haarscharf an der Pfütze neben mir vorbei.

»Noch schlimmer geht es nicht mehr«, murmelte ich und setzte mich mühsam wieder zusammen. Meine Einzelteile fügten sich zu einem Ganzen, nicht ganz passend, aber doch funktionsfähig.

Langsam sickerte das Wasser in meine Tabi und ich schüttelte kurz erst einen, dann den anderen Fuß. Das Holz der Geta fühlte sich rutschig an. 

Was feucht ist, ist feucht, dachte ich. Hoffentlich trocknet alles bis morgen.

Mit hängenden Schultern und den Blick auf den Boden gerichtet ging ich an Manufakturen vorbei, die sich aneinanderreihten wie Perlen an einer Schnur. Die Sonne stand schon tief, und ein kühler Wind, der die Straße hinauf wehte, ließ mich erzittern. Der Regen der letzten Tage hatte zwar aufgehört, aber wärmer war es dadurch nicht geworden.

Nach und nach musste ich immer mehr Menschen ausweichen. Die Umgebung belebte sich. Aus hohen Bürogebäuden mit gläsernen Augen strömten Männer in Anzügen. Arbeiter in verdreckter Kleidung sammelten sich vor kleinen Essensständen oder Kneipen. Raues Lachen und der Geruch von Tabakrauch wehten von ihnen herüber. 

Frauen unterhielten sich in Türen stehend miteinander. Selbstfahrende Lastenautomaten transportierten Kisten und Säcke mit Lebensmitteln, während Händler neben ihnen herliefen. Regelmäßig wich ich den modernen Rikschas aus, wenn diese durch die schmalen Gassen vorbeizuckelten und dabei kleine Rauchfahnen ausspuckten. Die Fahrzeuge ohne Zugstangen bestanden aus Zedernholz. Menschliche Kraft war bei ihnen nicht mehr von Nöten, stattdessen sorgte eine kleine Dampfmaschine unter der Sitzbank für Antrieb. Sehnsuchtsvoll sah ich den Fahrautomaten hinterher. Seit ich in Tokyo war, war es mein Wunsch, einmal mit einer einen Ausflug zu machen, doch entweder brauchte ich dafür eine spezielle Erlaubnis, einen eigenen Fahrer oder Geld. 

Nein, so ein Luxus ist nicht drin. Trotzdem lässt es sich sicher bequemer und schneller darin reisen, überlegte ich. Vielleicht könnte es ja was werden, wenn ich endlich eine Anstellung mit einer besseren Bezahlung bekomme. Kurz blitzte dieser hoffnungsvolle Gedanke in mir auf, doch bevor ich mich daran festklammern konnte, flüsterte mir meine Stichelstimme zu: Wenn du eine Anstellung bekommst. Du weißt selbst, wie aussichtslos deine Lage ist. Hast du das etwa vergessen?

Als ob ich das vergessen könnte. Wenn mich nicht eine kleine fiese Stimme in meinem Inneren daran erinnerte, dann hatte ich das Ereignis der letzten Stunde noch bildhaft im Gedächtnis. 

Ein erfolgloses Bewerbungsgespräch. Eine weitere Absage. Noch eine Niederlage. 

Ich rieb mir über die Arme. Noch meinte ich die Blicke des Fabrikaufsehers auf mir zu spüren. Die Musterung meiner Person.

Was kann ich denn dafür, dass ich noch keine Beurteilung meiner Arbeitsfähigkeiten oder eine Bürgschaft habe? Ich bin eben erst seit einem Monat in Tokyo, dachte ich. In meine Gedanken versunken lief ich an den überdachten Einkaufsstraßen vorbei. Zu jeder Tageszeit war dort etwas los. Der Geruch von warmen Oden wehte zu mir und mein leerer Magen verkrampfte sich. Kurz bewunderte ich die vielen Werbetafeln, die in jeder erdenklichen Größe um die Aufmerksamkeit der Passanten buhlten. Das alles fühlte sich noch immer wie eine vollkommen neue Welt an, in die ich kurz eintauchte, aber schnell wieder in sozusagen gewohnten Gewässern schwamm. So ließ ich die Hektik des fortschrittlichen Tokyos hinter mir und erreichte ich nun das Gassenlabyrinth von Kanda, meinem derzeitigen Wohnort. Dieses Viertel hatte kein Strahlen und Glitzern, vielmehr wurde es von heruntergekommenen Läden und wenig einladenden Kneipen und Teehäusern dominiert. Hier spüre man, laut meiner Hauswirtin, noch den Geist des alten Edos. 

Ich war mir nicht sicher, ob mir dieser Geist gefiel, aber Frau Yamada schien davon ganz begeistert zu sein. Sie trauerte, wie so viele andere Bewohner, der Stadt unter der Regierung des Meiji Tennō hinterher. Damals war angeblich alles viel besser, und einzelne Stadtteile wären sicher nicht derart vernachlässig worden – so Frau Yamada. Ich kannte dieses Edo nicht, und das neue Tokyo hatte sich seit meiner Ankunft noch nicht von seiner freundlichen Seite gezeigt.

Geschrei ließ mich aufhorchen. Ich hob den Blick und bemerkte, dass es nicht mehr weit bis zu meinem Zimmer war. Ich befand mich in einer jener Straßen, die ich bei einbrechender Dunkelheit am liebsten mied. An ihren Seiten reihten sich Wohnhäusern, die mir ihre abweisende Front zeigten, und ein, zwei Izakaya, aus denen Wärme und Lärm auf die Straße tropften. In Kanda gab es das neue elektrische Licht nicht, denn bisher waren die Leitungen noch nicht bis dorthin verlegt worden. Wir hatten weiterhin die bekannten runden Rüböllaternen aus Papier. Diese sah ich in unregelmäßigen Abständen vor den Häusern hängen und einen kleinen kreisförmigen Lichtkegel spenden. In solchen Gässchen wie vor mir gab es jedoch keine Lampen, ein Grund, warum ich einen Bogen um sie machte. 

Außerdem hatte mir Frau Yamada von Beginn an eingeschärft, dass ich auf gar keinen Fall bei Nacht in eine solche Gasse gehen sollte. Angeblich waren dort schon mehr Mädchen verschwunden, als man zählen konnte. Bisher hatte ich mich daran auch tunlichst gehalten. Heute jedoch zog mich das verunglückte Flüstern von Stimmen an. Langsam und neugierig ging ich ein paar Schritte näher an eine der Gassen heran, um mehr verstehen zu können. Es waren hohe, noch kindliche Stimmen, die miteinander stritten. 

»A-chan, wir sollten gehen. Ich mag es nicht, wenn es dunkel ist!«

»Was bist du für ein Schisser! Uns passiert schon nichts.«

»Aber, wenn der Besitzer vorbeikommt … Der wird doch sicher böse sein. Komm, A-chan. Komm.«

»Ach was, da gibt es keinen Besitzer. Das ist nur ein Streuner, der es gewagt hat, in unsere Gasse zu gehen. Ich habe dir doch gesagt, dass ich hier der Herrscher bin, und niemand darf ohne meine Erlaubnis rein. Deshalb muss er bestraft werden.«

»Aber trotzdem, A-chan. Er bewegt sich ja gar nicht mehr. Lass uns gehen. Mama wartet sicher schon mit dem Essen auf uns.«

Ein Schnauben. Anscheinend glaubte A-Chan die Aussage nicht. Zwei Kinder?, fragte ich mich. Aber was machen sie dort? Ist das ein Spiel? Und wer soll da sein und sich nicht mehr bewegen?

Ich biss mir auf die Unterlippe. Zwar glaubte ich nicht, dass es sich um ein anderes Kind handelte, über das geredet wurde, aber was konnte es sonst noch sein?

Meine Hände verkrampften sich ineinander, drückten schmerzhaft zu. Hatten die Kinder vielleicht ein Tier gequält? Zu gerne würde ich helfen, wusste aber nicht, wie ich mich in dieser Situation verhalten sollte. Was machte man denn da am besten?

Eigentlich ist es ganz klar, dass ich wohl weitergehen sollte. Ich glaube, dass das alle so machen und die ganze Sache geht mich eh nichts an, aber …

Unschlüssig blickte ich in Richtung der schwarzen Gasse und versuchte, mich dazu zu bringen, mich zu bewegen. Doch bevor ich mir weitere Gedanken machen konnte, wurde eine Tür auf der anderen Straßenseite mit einem lauten Knall aufgeschoben. Vor Schreck zuckte ich zusammen und holte erleichtert Luft, als ich erkannte, dass es nur eine Frau war, die ihren Kopf aus dem Hauseingangstreckte. Sie beäugte mich erst misstrauisch, dann rief sie über die Straße hinweg, ohne sich um die anderen Menschen zu kümmern: »Akari, Ryō, wenn ihr beiden nicht sofort kommt, dann geht ihr ohne Abendessen ins Bett!«

Aus dem Gässchen hörte ich ein erschrockenes Luftholen und einen leisen Fluch, dann wurden rasche Schritte laut. Gerade noch rechtzeitig konnte ich beiseitetreten, um nicht von zwei Jungen umgerannt zu werden, die an mir vorbeisprinteten. Sie rannten auf die Frau zu, die den beiden unsanft über den Kopf fuhr und grob und weithin dröhnend fragte: »Was habt ihr schon wieder gemacht? Ich habe euch schon oft genug gesagt, dass ihr dort nicht hingehen sollt! Ihr wisst doch, wie gefährlich …« Damit schloss sich die Tür, und ich wurde vom weiteren Gespräch ausgesperrt. 

Kurz blickte ich die Straße hinunter und konnte das Wohnhaus, in dem ich einen Schlafplatz hatte, schon erahnen. Es wirkte verführerisch nah und ich war so unendlich müde, doch der Gedanke an ein Lebewesen, das möglicherweise Hilfe brauchen könnte, ließ mich nicht los.

Es betrifft mich eigentlich nicht, und die Gasse ist auch dunkel, aber … liegen lassen möchte ich niemanden, überlegte ich und verlagerte weiterhin unschlüssig mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Erst langsam, dann immer schneller stieg etwas in mir auf. Ich konnte das Gefühl nicht benennen, doch wie eine Kolonne von Ameisen begann es, durch meinen Körper zu wandern, ihn so lange zu piesacken bis mir klar wurde: Ich konnte nicht einfach weitergehen. Trotz der Zweifel wollte ich mich vergewissern, dass es dem Wesen in der Gasse gut ging. 

Du und dein falsches Pflichtbewusstsein, kam es ungebeten aus den Tiefen meiner Gedanken, doch ich atmete nur einmal kräftig durch und betrat dann den engen Durchgang. Mein Rücken schirmte das restliche Licht ab, das noch am Rand der Gasse lauerte, und mein langer Schatten gesellte sich zu den anderen, die sich auf dem Boden tummelten. Er wurde sofort aufgenommen. Schattenhände erfassten ihn und zogen ihn weiter in die dunkle Gemeinschaft hinein. 

Ich begann, leise zu summen – mein Schutzschild an gruseligen Orten. Schwärze nahm mich gefangen, und es schien mir, als würden die Schatten auch nach mir greifen und mich zu einem von ihnen machen wollen. In sie einzutauchen, dessen war ich mir vollkommen sicher, war gleichbedeutend mit dem Tod. 

Weiter geht es in »Geisterfall« von Saskia Dreßler, das am 29.05.2026 im Weltenruder Verlag erscheint und ab jetzt im Shop vorbestellbar ist.

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