Anna Lisa Franzke »The Girl With The Heart-Shaped Glasses«
Der Auftrag ist Recherche, Observation und – im kritischen Fall – Eliminierung von ›Glasses‹, dem mysteriösen Mädchens mit den herzförmigen Brillengläsern, das eines Tages aus dem Nichts auf der untersten Ebene, dem Slum von SynthCity, auftaucht. Fortan folgt ihr jede Kamera. Es gibt kein Verstecken. Oder doch? Während sie die Überwacher zum Narren hält, zieht sich die Schlinge immer enger.
Cyberpunk in einer dystopischen, vollständig überwachten Zukunft.
Die Novelle von Anna Lisa Franzke erscheint am 25.04.2026 und ist ab jetzt im Shop vorbestellbar. Dies ist nicht das endgültige Cover.

Anna Lisa Franzke »The Girl With The Heart-Shaped Glasses«
Vorher
Ebene 3 ist in ewige Nacht, Neonlicht und Gefahr getaucht. Das ist, was uns die Megacorps zum Leben lassen. Ich starre auf die Überwachungsprotokolle und Videos auf meinen Bildschirmen, die mir einen Blick nach draußen gewähren. Gleich wird er eintreten.
»Ich habe einen Auftrag für Sie.«
NexGyre hat mich auf sein Kommen vorbereitet. Die Gestalt tritt aus den Schatten in meinem Arbeitszimmer. Im fahlen Licht der Monitore sieht er nach nicht viel mehr aus als erweiterter Realität. Doch er ist real, und er hat sich allein hier heruntergetraut.
Seine Schritte sind leise. Ich habe ihn nicht kommen gehört. Ein großer Mann, dessen schwarz-blaue Uniform ihn als der Privatarmee von Ellit One angehörig ausweist. In wessen Auftrag genau er handelt, hat NexGyre noch nicht herausgefunden. Die Suche läuft. Das Emblem mit dem Greifen an seiner Schulter jedenfalls zeigt, wie einflussreich er tatsächlich ist.
»Ich bin ganz Ohr«, antworte ich und lasse den Eindringling nicht aus den Augen.
Dutzende Abzeichen an seiner Uniformjacke machen deutlich, wie viel er bereits für seine Abteilung getan hat. NexGyre gleich sie ab, blendet mir ein, was sie bedeuten: Sieg in aussichtslosen Situationen, Aufhalten einer Rebellion, herausragende Loyalität … Ein präziser Vollstrecker, hoch ausgezeichnet und seit vielen Jahren im Dienst.
Er hat sich vor meinen Schreibtisch gestellt. Seine gesamte Körperhaltung ist angespannt, als wäre er bereit, jeden Moment eine Waffe zu ziehen. Doch auf den ersten Blick scheint er nicht bewaffnet zu sein, obwohl das sicherlich gegen die Vorschriften seiner Einheit verstoßen würde. Außerdem verlässt niemand der ersten oder zweiten Ebene sein Haus und kommt auf die unteren Ebenen, ohne sich entsprechend zu schützen.
Sein Blick fällt immer wieder auf meine zahlreichen Bildschirme, die abgenutzte Tastatur und holografische Projektionen, die mir meinen derzeitigen Arbeitsfortschritt aufzeigen. Dabei leuchtet seine rechte Pupille für den Bruchteil einer Sekunde auf. Er trägt ein Implantat. Nur ein Gedanke reicht, und die Bildschirme schalten sich ab. So leicht hätte ich ihm keinen Einblick geben sollen. In diesem Licht ist schwer zu sagen, um was für ein Implantat es sich handelt, aber es wird eines zur Überwachung sein. Allein mit dem Geld für so ein Gerät könnte man mehrere Familien der untersten Ebene wahrscheinlich über Jahre hinweg versorgen.
Zusätzlich blinkt das Dateninterface an seinem Hals. Er steht definitiv in beständigem Kontakt zu seinen Vorgesetzten. Wieso er das nicht über einen Neurolink macht, weiß ich nicht.
»Sie haben schon einmal von Programm B177 gehört?«, fragt er und legt die Hände hinter seinen Rücken zusammen.
»Gewiss«, antworte ich. »EvoNex, eine künstliche Intelligenz in der Alpha-Phase. Sie legt Profile von Menschen an, um potenziell gefährliche Personen auszufiltern und sie unschädlich zu machen, bevor sie zu einer Gefahr werden.«
»Wir haben eine Reihe von potenziellen zukünftigen Gefährdern ausgewertet, und eine Person ist uns ins Auge gefallen. Sie sollen sie im Auge behalten. Protokoll ROE.«
»Recherche – Observation – Eliminierung.«
Der Mann nickt.
»Eliminieren nur, sollte die Person tatsächlich eine Gefahr darstellen?«
Er nickt erneut. »Wir sind keine Unmenschen und sind noch weniger an Unruhen interessiert. Sie ist aus dem Nichts aufgetaucht. Auf der untersten Ebene passiert das manchmal. Das ist nichts Besonderes, aber sie verhält sich ungewöhnlich. Wir gehen davon aus, dass sie Teil einer Rebellengruppe ist. Solang diese Gruppierung jedoch unauffällig bleibt, reicht es zu observieren. Sobald die Zielperson Auffälligkeiten an den Tag legt, die das normale Maß an Widerstand übersteigen, wird sie unschädlich gemacht. Wir haben ein hohes Potenzial festgestellt, dass es dazu kommen wird. Wahrscheinlich bleibt sie ungefährlich, solang sie nicht selbst zur Führungsriege dieser Gruppierung gehört. Ziehen Sie sie aus dem Verkehr, bevor sie zu einer Märtyrerin werden kann.«
»Verstanden. Der Personencode?«
»TGWTHSG«
»Ich setze mein Team darauf an.«
»Wir verlassen uns auf Sie.«
Mit einem Blinzeln stellt der Offizier eine Anfrage. Ich gebe sie frei, meine Bildschirme springen an, und er projiziert den Code über seine Neuro-Schnittstelle. Die Datenströme fließen. Er nickt mir einmal zu, dann tritt er den Rückzug an.
In Sekundenschnelle öffnet sich das Persoplex-Raster auf allen Bildschirmen und das Bild der Zielperson flackert auf. Der NexCrawler springt an und durchsucht alle verfügbaren Kameras und die Archive nach ihr.
Eine junge Frau, unscheinbar, sieht recht harmlos aus. Auf dem Bild lächelt sie, trägt ihre grünen Haare schulterlang und in Locken. Auf der Nase sitzt eine Brille mit herzförmigen Gläsern, rosafarben. Ein Steckbrief, in dem kaum mehr als ihre Größe steht, erscheint, doch kein Name.
Wer bist du, Mädchen mit den herzförmigen Brillengläsern?
Part 1: Recherche
Kamera AZR 872-03
Die Brillengläser der Zielperson leuchten heller als die Reklametafeln um sie herum. Sie verbergen ihre Augen. Sie selbst geht in der Masse an Menschen unter. Ihre schwarze Kapuze hat sie tief ins Gesicht gezogen – beinahe so, als wollte sie nicht gesehen werden. Doch vor meinen Augen kann sie sich nicht verbergen.
Die Fassaden dieses heruntergekommenen Viertels sind mit Graffiti beschmutzt. Die Kameras zeichnen die Verschleierung dieser Zustände durch die erweiterte Realität nicht auf. Deshalb sieht man alles so nackt und ungeschminkt wie die bedauernswerten Leute, die sich keine Erweiterung leisten können. Dicke Pressholzplatten versperren die Türen und Fenster von teils eingefallenen Gebäuden. Trotzdem sehe ich Menschen, die sich in deren Innerem bewegen. Neonlichter flackern von allen Seiten, vorbeiziehende Menschen werfen trübe Schatten. Es ist kaum zu erahnen, dass dieser Teil der Stadt vor langer Zeit einmal prachtvoll gewesen war. Schmutz und Müll häufen sich. Ich bin froh, über die Kameras den Gestank nicht mitzubekommen.
Ihre weite Hose hat ein Camouflagemuster, nicht dass sie damit in dieser Megacity ohne Natur untergehen würde. Es ist ein Überbleibsel aus einer Zeit, an die sich niemand mehr erinnert. Eine Renaissance von Kleidung, die einmal etwas bedeutet hat und nun nur aussagen kann, dass sie sich von den Menschen der oberen Ebenen abheben will.
Sie hat ihre Hände in ihrer Jackentasche vergraben. Ihr Blick ist auf den Boden gesenkt. Die Schritte sind zögerlich, ziellos. Vielmehr so, als würden die anderen Menschen ihr den Weg vorgeben.
Ich kann an ihr keine Implantate erkennen. Vielleicht hält sie es mit den Wavern, die sich eine Kunst daraus machen, so unauffällige Implantate zu basteln, wie diejenigen der Pulser auf der obersten Ebene sie haben, die sich Originale leisten können. Die wenigsten Personen hier unten haben das Geld für die Originale oder andere Bodymodifikationen. Was ich sehe, scheint selbstgemacht. Vielleicht ist sie auch ein Waver und legt besonders viel Wert in der Nachahmung darauf, so zu wirkten wie die Personen der obersten Ebene.
Endlich hebt sie ihren Blick, sieht nach oben, in meine Richtung. Die Kamera zoomt näher an sie heran. Es liegt ein Schimmern in ihren Augen. Kein Implantat, das sieht anders aus. Vielleicht Tränen?
Archiv – Kamera AOW 6291
Es ist schwer, die Zielperson im Archiv zu finden. Man sollte meinen, dass es bei ihren auffälligen Personenmarkern keine Schwierigkeit hätte geben dürfen. Doch hier sitze ich, durchsuche alle potenziellen Videos, weil kein eindeutiges Ergebnis zu finden ist. Die herzförmige Brille und die grünen Haare sollten es erleichtern. Machen sie aber nicht.
Sie taucht irgendwann einfach auf. Plötzlich erscheint sie aus dem Nichts und ist da. Vor einem halben Jahr auf der untersten Ebene. Frühere Einträge kann ich nicht aufspüren. Ich aktiviere NexGyre zur Unterstützung. Meine KI, die auf 16 QuantumCores läuft.
Ich sehe mir das Video an. Ihr erster Auftritt.
Sie tritt auf eine Straße von SynthCity hinaus. Das Gebäude hat im Verzeichnis keinen Tag. Nach einigen Schritten bleibt sie stehen und späht in das Plattengerüst des Himmels der untersten Ebene hinauf, in die Metallkonstruktion, auf der die nächste Ebene aufgebaut ist. Ihre Klamotten sind ausgewaschen, abgetragen. Ihre Haare sind frisch grün gefärbt.
Mehrere Minuten steht sie nur da, mustert die Masse an Menschen, die an ihr vorbeiströmt, sieht sich um. Sie skimmt die Umgebung, registriert kurz jede Kamera. Schlaues Mädchen.
Dann zieht sie sich ihre Kapuze über und tief ins Gesicht. Sie hält sich in den Schatten, in Nebenstraßen.
Gerade geht sie um eine Ecke, doch auf den Kameras dort taucht sie nicht auf. Sie ist verschwunden – genauso spurlos, wie sie aufgetaucht ist. Ich weiß nicht, wie sie das macht. Möglichkeiten gäbe es theoretisch viele: vielleicht ein Hologramm, das sie verschleiert, oder einen Bot, welcher das Überwachungsvideo in Echtzeit bereinigt, sodass man sie nicht mehr sieht? Spielt sie bloß eine alte Aufnahme ab?
Zukünftig brauche ich eine Methode, diese Manipulation umgehen zu können.
Kamera ASC 25
Es sind zwei Tage vergangen, seitdem ich die Zielperson das erste Mal durch eine Kamera gesehen haben. Noch immer streift sie ziellos durch die Straßen. Sie gibt nichts über sich Preis. Kein Ziel, keine Richtung. Ihre Route ist leicht zu verfolgen. Ihre veränderlichen Personenmarker sind sehr auffällig. Doch in der Datenbank finde ich wenig zu ihr. Die Gesichtserkennung durchsucht noch alle verfügbaren Archive und Aufzeichnung, aber ich habe wenig Hoffnung, dass sie viel über die Zielperson erzählen wird. Die Brille erschwert die Treffer.
Ihr Weg hat sie nicht ein Mal aus der untersten Ebene herausgeführt. Vermutlich dort geboren wird sie diese Ebene nur kurzzeitig verlassen können. Die einzigen Gespräche, die sie führt, sind mit Personen, denen sie Essen abkauft. Woher sie das Geld hat, kann ich nicht ermitteln. Noch nicht. Sie ist ein Rätsel. Sie gibt nichts über sich Preis.
Recherche
Ohne ihren Namen ist es schwer, ihr wahres Persoplex-Profil ausfindig zu machen. Das, welches auf ihren Personencode angelegt ist, wurde erst vor einigen Wochen von jemanden aus der Ermittlungsbehörde angelegt.
Ich finde ein Bankkonto, das vermutlich zu ihr gehört. Eingetragen ist es auf einen eindeutigen Fake-Namen. Es gehört einer Person namens ›N. O. Body‹. Ein bisschen arg auf die Nase gebunden. Darauf liegen einige Credits. Die Geldeinzahlungen sind regelmäßig und kommen von einem Konto, das ebenfalls nichts über sich preisgibt, außer dass die letzten Ziffern es als Ellit-Konto ausweisen. Sie muss also reiche Gönner aus der obersten Ebene haben.
Noch immer läuft die Gesichtserkennung, doch sie findet keine Übereinstimmungen auf Material, das älter als ein halbes Jahr ist. Dafür stoße ich gegen ein Executive Lock. Jemand mit viel Einfluss muss es eingerichtet haben.
Archiv – Kamera CZ 3627
Die Zielperson sitzt am Tresen einer Bar – der Flying Dove. Es ist das erste Mal, dass ich sie außerhalb ihrer Ebene sehe. Unter vibrierenden Hologramm-Werbetafeln trinken hier ölverschmierte Mechaniker neben Personen, die unter langen Ärmeln die Abzeichen ihres Konzerns oder die Abteilung ihrer Privatarmee verbergen. In diesen Teil der zweiten Ebene kommt man nur für den billigen Alkohol und die schmutzigen Geschäfte.
Ein androgyner Barkeeper mit verchromten Unteramen poliert Gläser, während er die Gäste mustert. Sein Auge ändert immer wieder für den Bruchteil einer Sekunde die Farbe – entweder die Spiegelung der Neonreklame oder ein Implantat.
Ich bin froh die Mischung aus synthetischem Alkohol, heißgelaufenen Cyberprothesen und der ozonhaltigen Luft nicht riechen zu müssen, die in diesen Läden immer herrscht.
Die Zielperson hat sich die Kapuze ihres schwarzen Oberteils tief ins Gesicht gezogen, sodass nur noch die Brille ihre Identität bestätigt. Mit ihrem Zeigefinger fährt sie den Rand ihres Shotglases entlang. Bereits drei Mal hat sie es an diesem Nachmittag geleert. Mit einem Wink gibt sie dem Barkeeper zu verstehen, dass es Zeit für einen vierten wird. Für einen Moment ist mehr als nur ihre Fingerspitze zu sehen.
Sie trägt Ringe. Vier Stück an der rechten Hand, die sich um ihre dünnen Finger schlängeln. Nur einen kurzen Moment lässt sie das Metall in dem pinken Neonlicht aufblitzen, dann zieht sie ihre Hand wieder zurück.
Der Barkeeper füllt das Shotglas auf. Es ist eine neongrüne Flüssigkeit, die mehr als giftig aussieht. ›Fast Death‹ wird sie auf der Karte genannt, und es wird gemunkelt, dass – wenn man nur genug davon trinkt – dieser schnelle Tod tatsächlich eintreten soll.
Im Schatten ihrer Kapuze sehe ich kaum, wie sich ihre Lippen bewegen. Sie zählt. Dann trinkt sie. Das Licht der Bar spiegelt sich in ihren Brillengläsern.
Hier auf der zweiten Ebene sind die Gesetze bezüglich Alkohols strenger als weiter unten. Das ist eine Chance für mich. Ein Ausweis muss hinterlegt sein, ohne den sie nichts ausgeschenkt bekommt. Ich hacke mich in die Registrierkasse – ein Kinderspiel dank designierter Hintertür. Und schon habe ich ihn vor mir: Wenn die Daten stimmen, dann ist sie 24 Jahre alt, heißt Hollow Craves. Doch auf diese Person ist kein Persoplex-Profil angelegt. Mit ziemlicher Sicherheit ist es ohnehin eine Fake-Identität, die sie gleichzeitig mit ihren grünen Haaren angenommen hat. Der Ausweis sicherlich gefälscht. Es gibt immer die Möglichkeit, dass Menschen der Registrierung durch die Lappen gehen, doch selbst dafür kann ich irritierend wenig über sie herausfinden. Sie muss gute Verbindungen haben.
Ein weiterer Shot.
Sie schüttelt sich. Ein kleines Rinnsal der Neonflüssigkeit läuft aus ihrem Mundwinkel über ihr Kinn und tropft auf den Tresen.
»Es ist genug, Mädchen«, sagt der Barmann. Die linke Hälfte seines Kopfes ist kahlrasiert und geht auf der anderen Seite in Metall über.
Sie lacht auf. »Ich will mit Tayson sprechen. Er erwartet mich«, antwortet sie nur. Die leeren Shotgläser baut sie in einer kleinen Pyramide vor sich auf. »Einen noch«, sagt sie dann und nickt auf die fehlende Spitze.
Der Barkeeper verdreht die Augen, doch gießt er einen weiteren Shot ein, lässt ihn über den Tresen gleiten. »Der Chef erwartet dich im Hinterzimmer.«
Sie kippt die Flüssigkeit, lächelt ihr Gegenüber an und springt vom Hocker. »Danke, Fellow.« Damit tritt sie durch eine Tür und lässt mich allein.
In diesem Hinterzimmer scheint es keine Kamera zu geben. Ich schalte mich durch alle registrierten Kameras und Archiv-Aufzeichnungen der Bar des Abends. Nichts. Sie ist wieder einmal verschwunden.
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